Treibhäuser für neues Denken und Handeln

„Wozu braucht es überhaupt Utopien?“, fragte Dr. Hildegard Kurt beim ANU Werkstatt-Treffen am 26. April 2016 zur BNE mit Flüchtlingen in München. Die Antworten der Kulturwissenschaftlerin überraschten die Teilnehmer_innen!

Dr. Hildegard Kurt inspirierte zur Reflexion über Zukunftsfähigkeit und die Realisierung positiver Utopien. Foto: M. Loewenfeld

Protokolliert von Tina Teucher

„Utopien sind Treibhäuser für neues Denken und Handeln“, sagt Hildegard Kurt. Doch heute seien sie immer gleich mit Skepsis behaftet – und verkommen daher eher zu Dystopien. Die promovierte Kulturwissenschaftlerin und Mitgründerin des Und-Instituts für Zukunftsfähigkeit übersetzt „zukunftsfähig“ mit „Potenzial sehen können“: In einem Phänomen das sehen, was es noch nicht ist. Empfänglichsein für die Werdekräfte in der Welt, die solche Bewusstheit brauchen.

„Die Vision von heute ist die Realität von morgen“ (Victor Hugo)
Für das Verstehen zitiert Hildegard Kurt Größen wie den Autor Victor Hugo oder den MIT Professor Guru Otto Scharmer: In seiner Theorie U geht es darum, Dinge und Situationen von der Zukunft her zu betrachten.
Für ein menschenwürdiges Miteinander muss man die Demokratie weiterentwickeln. Zum jetzigen Zeitpunkt geben wir unsere Stimme ab. Noch dazu in eine Urne! Wir sollten erstmal zur eigenen Stimme finden!
Wesen finden ihre Bestimmung.
Ein Gemeinwesen würde dann Entscheidungen nicht durch Überstimmung sondern durch Abstimmung und Aufeinander-Einstimmung treffen. Diesen Ansatz verfolgt z.B. Roman Huber mit dem Verein „Mehr Demokratie“.

Wie kommt eine rote Rose aus einem grünen Stiel?
Die Umweltbildner staunten nicht schlecht, als die Kulturwissenschaftlerin Kurt sie auf ein Utopie-Experiment mit einer Rose einlud: Stellen wir uns einmal vor, wir haben noch nie eine Blüte gesehen. Die Blüte ist ein wesenhaft anderes. Sie hat ein anderes Sein eine andere Geste, eine andere Form als der Rest der Pflanze. Im Vergleich zu dem was ihr voraus geht, ist die Blüte eine Revolution. Alles, was vorher geschah, bedingte sie aber.
Übertragen auf unser Umfeld heißt das: Wir wissen nicht, an welchen Wandlungsprozessen wir beteiligt sind. Der Fall des Eisernen Vorhangs zum Beispiel kam plötzlich, aber eben nicht plötzlich. Es war ein gesellschaftliches Blühphänomen. Selbst der Kapitalismus könnte eines Tages so überwunden werden. Die Rosenblüte ruft: „Gebt euch nicht mit Stängeln und Blättern zufrieden!“. Sie ist eine Ermunterung zur Utopie.

Sich vom Neuen küssen lassen
Was aber ist Zukunftsfähigkeit? Kurt sagt: Zukunftsfähigkeit ist so etwas wie die neue Muse. Sie unterstützt den Wandel in der Welt. Unser Ist, also unser jetziges Ich, unsere Organisation oder unser System trägt einen Rucksack an Wissen und Erfahrungen mit sich herum. Darin sind auch Pfadabhängigkeiten, Systemlogiken, Prägungen und Konditionierungen enthalten. Die Muse der Zukunftsfähigkeit kommt aus der Zukunft, sie steht für Begegnung, Aufweckung und wenn sie uns in der Gegenwart berührt, erleben wir einen Moment des Lebendigen (z.B. eine Idee). Die Muse will nur eines: mich küssen. Uns erreichen, aufmerken lassen. Sie ist Idee, Ahnung, Inspiration.
Sie will etwas in uns auslösen, das eine andere, nicht-lineare Zukunft auslöst oder ermöglicht.
Gewöhnlich sind wir mit unserem Rucksack beschäftigt. Daher ist die Zukunft oft nur ein Extrapolieren des bisherigen. Der Kuss der Muse steht für präsent werden, verlebendigen, aufmerken, sich berühren lassen.
Kollektiv sind wir als Gesellschaft im Modus der Unküssbarkeit. Wir haben uns im Linearen, kausalen eingerichtet. Alles muss planbar, berechenbar sein. Die Welt gleicht einem Rechenblatt, die Börsen einer Rechenmatrix.
Es erinnert ein wenig an den Panther aus dem gleichnamigen Gedicht von Rainer Maria Rilke: Das Tier sieht – wie der Mensch in der modernen Industriegesellschaft – nur Gitterstäbe und hält deshalb keine Welt draußen für möglich.

Geplant oder ungeplant: Willkommen, Zukunft!
Der Begriff „Zukunft“ beinhaltet zwei Bedeutungen: Futurum (das geplante, werdende, z.B. eine Veranstaltungsplanung) und Adventus (das unplanbare, herankommende, z.B. eine Erfindung). Sich von der Muse berühren lassen, heißt, sich in der Adventus-Sphäre zu beheimaten und damit das Nichtplanbare und Neuanfänge zu bejahen.
Eine andere Vision von Zukunft kann die Vergangenheit ändern und damit neue Zukunft ermöglichen. Willy Brandt zeigte das mit seinem Kniefall in Warschau. Er hat sich vom Moment berühren lassen. Sein Wissen über die Vergangenheit wurde zum Gewissen: Er hat sich neu verbunden und sich geöffnet für eine neue Ostpolitik.
Etwas unterscheidet uns Menschen wesentlich von dem Bild der Rose: Wir Menschen können uns neu mit dem lebendigen Ursprung verbinden. Die Rose kann dagegen keine neuen Wurzeln schlagen. Nachhaltigkeit heißt auch: neue Wurzeln bilden. Ein Heraustreten aus der linearen Zeitkultur! Wir alle spüren die Beschleunigung und das Engerwerden. Der Philosoph Jean Gebser empfiehlt dagegen das Bild einer kugeligen oder transparenten Zeitqualität.

Sich nach vorn verbinden
Der Begriff „Religio“ steht für Rückverbindung. Religionen weisen auf die Wurzeln hin, auf die Entstehungsgeschichte. In Zeiten des Umbruchs ist dagegen eine Proligio empfehlenswert: eine Kraft die von vorn zieht. In der Gegenwart präsent zu sein entfesselt dabei die entscheidende Kraft des Wandels. Diese Gegenwart sah der Aktionskünstler Joseph Beuys zum Beispiel in belebten Plätzen: Die Mysterien finden am Hauptbahnhof statt – an einem Ort, wo viel endet und viel anfängt.
Die Öffnung für das Ungewisse ist nicht leicht, im Gegenteil. Deshalb wurde der englische Romantik-Dichter John Keats nicht müde zu betonen, wie wichtig eine bestimmte Fähigkeit ist: Unübersichtlichkeit und Nichtwissen auszuhalten. In diesem scheinbaren Chaos dann Potenzial für positive Entwicklungen sehen zu können: das ist zukunftsfähig.

 

Eine ausführliche Dokumentation zum Werkstatt-Treffen finden Sie hier:
[www.umweltbildung-bayern.de/anu-bayern-tagung-2016.html]

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