Begegnungsoase an der Flüchtlingsunterkunft St. Christoph, Freiburg

Die Errichtung eines Gartens als Begegnungsoase an einer Flüchtlingsunterkunft in Freiburg zeigt, wie Projekte bedarfsorientiert und partizipativ umgesetzt werden können.

Skizzen und Wunschblumen am Stand der Begegnungsoase beim Sommerfest St. Christoph. Fotos: Begegnungsoase St. Christoph, Jenny Lay-Kumar

In dem Freiburger Wohnheim St. Christoph wohnen ca. 300 geflüchtete Menschen. Es liegt wenig charmant an einer Kreuzung in einem Industriegebiet, zwischen Messe, Recyclinghof und Einrichtungshäusern und die vorhandenen Frei- und Grünflächen bieten wenig Aufenthaltsqualität für die BewohnerInnen. Deshalb hatte Jenny Lay-Kumar im November 2015 die Idee, auf dem Gelände des Wohnheims eine Garten-Begegnungsoase zu schaffen.

Das Projekt setzt auf eine breite Kooperation

Damit stieß sie bei den vielen beteiligten Haupt- und Ehrenamtlichen, sowie bei beteiligten Initiativen auf großes Interesse und Unterstützung. Die wichtigsten PartnerInnen in diesem Projekt sind

  • die Sozialarbeiterin Doris Hoffmann, die sich mit Elan für die Belange der BewohnerInnen einsetzt und eng mit verschiedenen Initiativen zusammenarbeitet,
  • der sozial-ökologische Projektverbund Fabrik, der nicht nur mehrere Projekte für Geflüchtete, sondern auch eine bezahlte Stelle für die Koordination der Tätigkeiten geschaffen hat,
  • das Droste-Hülshoff-Gymnasium, das seit Herbst 2015 mit der Droste-Flüchtlingsinitiative (DIFF) die Menschen auf St. Christoph unterstützt, und
  • die Initiative Schlüsselmensch, die seit 2011 Patenschaften von Studierenden für Kinder anbietet.

Nachdem die PartnerInnen die Absichtserklärung für eine gärtnerische Willkommenskultur gemeinschaftlich beschlossen hatten, war die Motivation umso größer, das Projekt umzusetzen.

Zusammen mit Jeanette Bihlmaier von der Fabrik entwickelte Jenny Lay-Kumar die Pläne weiter, strukturierte sie und blieb mit den genannten PartnerInnen in engem Kontakt. So erfuhren sie, dass auf dem Gelände von St. Christoph gerade Bauarbeiten für einen neuen Wohnblock stattfanden. Die Fläche zwischen dem neuen, bunten Wohngebäude und dem Nachbargebäude war durch die Bauarbeiten in Mitleidenschaft gezogen worden. Hier war ohnehin geplant, die Fläche zu begrünen und Bänke aufzustellen. Die Idee der Begegnungsoase kam also zum genau richtigen Zeitpunkt und stieß auf fruchtbaren Boden. Beim Vor-Ort-Termin mit der verantwortlichen Mitarbeiterin der Stadt konkretisierten sich die Pläne: Die Stadt war von der Gartenidee nicht nur angetan, sondern wollte Nägel mit Köpfen machen und den Aufbau des Gartens im Spätfrühling mit Baumaterial und Erde versorgen. Und bei der Gestaltung haben die Initiatorinnen eine Menge Spielraum bekommen – von einer so kooperativen Haltung können viele Gartenprojekte nur träumen. Und dennoch konnte mit dem Bau der Begegnungsoase nicht, wie gehofft, im Frühling begonnen werden.

Partizipation nimmt viel Zeit in Anspruch
In den weiteren Monaten führten Jeanette Bihlmaier und Jenny Lay-Kumar zahlreiche Termine und Gespräche rund um den geplanten Garten „Begegnungsoase“ in der Flüchtlingsunterkunft St. Christoph. Leider ging es nicht so schnell voran, wie erhofft, da es ein wichtiger Ansatz des Projektes war, die verschiedenen AkteurInnen(-gruppen) frühzeitig einzubeziehen: die Sozialarbeiterin, die Verantwortlichen vom Gebäudemanagement, interessierte BewohnerInnen der Unterkunft, Ehrenamtliche, Urbane GartenbauaktivistInnen und GartenbauexpertInnen. Mittlerweile hat sich eine kleine, aber schlagkräftige Gruppe gefunden, zu der auch ein Schreiner gehört. Neue AktivistInnen sind weiterhin eingeladen, dazuzustoßen.
 
Angelehnt an das Modell des Design Thinking, bei dem bereits die Ideenentwicklung von den Anforderungen der zukünftigen NutzerInnen ausgeht, ist die Gruppe nicht von der Seite der pragmatischen Planung ausgegangen, sondern von Wunschträumen und mit dem Ziel die räumlichen Gegebenheiten mit den Anliegen der Menschen zu verbinden. Da es nur wenige nicht-betonierte Freiflächen auf dem Gelände gibt, ist es wichtig, dass nicht einfach ein Gemüsegarten angelegt wird, sondern eine Fläche, die den Bedürfnissen der BewohnerInnen angemessen ist. Die vorhandene Grünfläche war vor den Bauarbeiten ein sozialer Mittelpunkt, an dem sich viele Leute gern aufhielten und trafen. Es soll weiter viel Platz geben, um sich zu begegnen, Stühle aufzustellen oder auf Decken zu picknicken. Gleichzeitig ist es wünschenswert, dass die Fläche auch Rückzugsmöglichkeiten bietet.

Eine weitere wichtige Frage ist, wie mit der Ernte fair umgegangen werden kann. Gemessen an der Zahl der BewohnerInnen wird der zukünftige Garten, entsprechend der Größe und der Art der Bewirtschaftung, keinen immensen Ertrag abwerfen. Und er wird, als Begegnungsoase ausgelegt, nicht eingezäunt sein, wie es bei anderen Projekten teilweise der Fall ist. Es gilt auszuloten, wer den Garten pflegen und wer ernten wird – was bei allen frei zugänglichen urbanen Gärten ein großes Thema ist.

Die Ausgestaltung
Beim Zeichnen der Ideen deutet sich ein Mittelweg zwischen Wunsch und pragmatischer Umsetzung an: wichtigstes Element sind die Hochbeete in der Mitte der Fläche, die als Rückenlehnen für Bänke dienen, die in Form von Achtecken angelegt sind und ein geselliges Miteinander ermöglichen. Die angrenzende Straße wird optisch durch einen Rosenbogen, flankiert von Hochbeeten, abgetrennt. Weiter ist eine Bepflanzung an umliegenden Gebäuden angedacht, außerdem wünschen sich einige BewohnerInnen eine Pergola mit Kiwi-Bepflanzung, eine Kräuterspirale und ein Feigenbaum mit Rundbank.

Es ist eine Mischpflanzung aus Blumen, Obst und Gemüse und Kräutern geplant. Die Pflanzen sollen pflegeleicht und robust sein. Von Rosen und Clematis über essbare Blüten wie Ringelblumen und Borretsch, Beerensträucher wie Himbeere und Stachelbeere, Tomaten, Gurken und Zucchini, Minze und Salbei, Petersilie und Rosmarin. Einige Pflanzen werden bereits nach einigen Wochen Erträge abwerfen, wie Kräuter und Blumen, andere erst nach ein paar Jahren, wie Obstbäume.

Zu der Freiheit, die Fläche zu gestalten, gehört auch die Verantwortung, etwas zu bauen, dass nicht nur ein langlebig und funktional, sondern auch ästhetisch ansprechend und wandelbar ist. Die Planung für Baumaterialien, die räumliche Aufteilung und die Erstbepflanzung war zum Redaktionsschluss dieses Beitrags noch nicht abgeschlossen. In ihrem Gartenblog berichtet Jenny Lay-Kumar regelmäßig über die Fortschritte des Projekts.
 
 
Kontakt  & Infos
Jenny Lay-Kumar
Freiburg
jenny.lay-kumar@posteo.de


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